European Realities – Realismusbewegungen der 1920er und 1930er Jahre in Europa

Acke Hallgren, Mot aftonen, San Remo, 1927 Moderna Museet Stockholm, Foto: Åsa Lundén

Corona, eine drohende Inflation, steigende Arbeitslosigkeit, Wirtschaft und Demokratie in der Krise und ein Erstarken nationalistischer Tendenzen – so beginnen die 2020er Jahre. Die Folgen eines verheerenden Weltkriegs, Spanische Grippe, Armut, Weltwirtschaftskrise, Nationalsozialismus – das waren die 1920er Jahre. Keine andere geschichtliche Epoche weist so viele Parallelen zu heute auf, wie die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen.
Im Rahmen des Europäischen Kulturhauptstadtjahres 2025 widmet sich die Ausstellung European Realities erstmals den vielfältigen Realismusbewegungen, die in den 1920er und 1930er Jahren nahezu überall in Europa sichtbar sind. Sie erzählt dabei von Armut und Elend, berichtet über den wirtschaftlichen Aufschwung und von kultureller Blüte, von wissenschaftlichem und technischem Fortschritt, von Großstadt und Nachtleben, Emanzipation und Diversität. Diese Kunstepoche ist bisher noch nie als europäische Bewegung betrachtet worden. Die Ausstellung schließt Künstler:innen aus nord-, mittel-, südost-, süd- und westeuropäischen Ländern ein und präsentiert die künstlerischen Netzwerke über die Ländergrenzen hinaus. Dabei zeigt die Ausstellung mit ca. 300 Werken nicht nur ein europäisches Panorama, sondern auch, wie sich durch Transfer und Migration von Ideen künstlerische Ansätze verbreiten und weiterentwickeln. Noch nie zuvor ist diese Kunstepoche in einem solchen Umfang präsentiert worden.
Die Ausstellung knüpft an Gustav Friedrich Hartlaubs namensgebende Präsentation der Neuen Sachlichkeit von 1925 an, welche nach Mannheim und Dresden im König Albert Museum in Chemnitz Station machte. European Realities verbindet die lokale Tradition mit gesamteuropäischen realistischen Tendenzen und zeigt, dass die Neue Sachlichkeit nicht ausschließlich ein deutsches Phänomen war. Der Realismus der 1920er und 1930er Jahre hat nicht nur viele Namen (wie etwa Nuovo Realismo, Realismo mágico, Pittura metafisica, Novecento, Neue Sachlichkeit, Neoklassizismus, Magischer Realismus, Neorealisme, Nové realismy u. v. m.) und seine Wurzeln in verschiedenen Ländern, er besitzt auch viele Gesichter. Ohne Zweifel kommt jedoch all diesen – ihrer Grundtendenz verwandten – künstlerischen Bewegungen die rückwärtsgewandte Stimmung zugute, die vor allem in den europäischen Ländern einem weit verbreiteten und tief empfundenen Bedürfnis entspricht. Gemeinsam ist den Bewegungen in Europa das Verlangen nach einer Rückkehr zu einer Kunst, die hinter der Abbildung von Wirklichkeit die existenziellen Ängste und die gefährdeten Ideale des 20. Jahrhunderts sichtbar macht.
Die Ausstellung widmet sich einer Zeit, die an das Sammlungsprofil des Museums Gunzenhauser in Chemnitz anknüpft. Hier befinden sich nicht allein zahlreiche herausragende Werke dieser Epoche, sondern das Museum besitzt mit 380 Werken eines der größten und bedeutendsten Konvolute des zentralen Protagonisten der Neuen Sachlichkeit in Deutschland, Otto Dix. Daneben bilden die Werke der zentralen Künstler:innen dieser Zeit mit insgesamt über 400 Werken etwa von Conrad Felixmüller, Karl Hubbuch, Franz Radziwil, Georg Schrimpf, Alexander Kanoldt oder Gustav Wunderwald den Schwerpunkt des Sammlungsprofils.

www.kunstsammlungen-chemnitz.de